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10 Min. zu lesen 7 Mai 26
Die Schwellenländer setzten ihren Aufschwung Anfang 2026 fort, wurden dann aber durch geopolitische Schocks auf die Probe gestellt. Da sich die Trends im Bereich KI, der Ölpreisanstieg und die Glaubwürdigkeit der Politik auf Länderebene unterschiedlich bemerkbar machen, verläuft auch die Marktentwicklung differenzierter. Wir erläutern, warum nun stärkere Streuung die Widerstandsfähigkeit der Schwellenländer ausmacht und was das für Anleger bedeutet.
Aktien aus Schwellenländern (Emerging Markets - EM) erlebten 2025 nach einer langen Phase der Underperformance eine Renaissance. Dabei erzielten Börsenwerte aus Asien (ohne Japan) und die Schwellenländer insgesamt Renditen von rund 30 % (in US-Dollar). Diese Entwicklung war für globale Anleger nach langer Phase der US-Dominanz nicht nur in Bezug auf die Rendite relevant; sie bestimmt auch, wie sich für Anleger die weiteren Chancen der Emerging Markets darstellen.
Die entscheidende Frage dabei ist, ob dieser Aufschwung von Dauer sein kann.
Das erste Quartal 2026 brachte einen ersten Stresstest mit sich. Die Börsen der Schwellenländer verzeichneten im Januar und Februar zunächst kräftige Kurssteigerungen. Dabei standen erneut die Märkte in Südkorea und Taiwan an der Spitze. Maßgeblich war das ungebrochene Vertrauen in die Nachfrage im Bereich KI und die Rückkehr vieler Anleger in die liquidesten Märkte der Region.
Im März löste dann die Eskalation des Iran-Konflikts einen Kurseinbruch aus, der die anfänglichen Kurszuwächse zunichtemachte. Doch binnen weniger Wochen erholten sich die Märkte wieder auf das Niveau vor dem Konflikt. Dieses Muster starker Ausschläge der Notierungen stellt keine Anomalie dar, sondern ist typisch für dieses Anlagesegment.
Seit 2010 hat der breite MSCI EM Index im Jahresverlauf in der Regel starke Kursrückgänge von durchschnittlich rund 14 % erlebt. Darin spiegelten sich makroökonomische und politische Schocks sowie starke Kapitalabflüsse wider, wie sie diese Anlagegattung seit langem prägen. In den meisten Fällen haben sich diese Rückschläge jedoch als vorübergehend erwiesen. So haben die Börsen der Schwellenländer in neun der letzten 16 Jahre ihre Kurseinbußen bis zum Jahresende wieder wettgemacht. Das bedeutet: Zwischenzeitliche starke Kursschwankungen gehören dazu, sind also kein Problem an sich. In vielen Fällen erwiesen sich solche Rückschläge als Einstiegspunkt für die besten darauffolgenden Renditen. Was sich allerdings ändert, ist die Art und Weise, wie der Markt diese Schocks auffängt, und was währenddessen unter der Oberfläche geschieht.
Zwar sind die Schwellenländer nicht immun gegen verstärkte Kursausschläge. Doch deutet die Abfolge von akut erhöhter Volatilität und rascher Stabilisierung darauf hin, dass die Schwellenländer heute einer anderen Dynamik unterliegen als in vergangenen Marktzyklen.
Für Michael Bourke, Head of Emerging Market Equities bei M&G Investments, sind die Börsen in den Schwellenländern dank struktureller Verbesserungen heute imstande, aufeinanderfolgende Schocks zu absorbieren. Trotz einer Reihe von Belastungen, welche die Anlagegattung früher stark belastet hätten – darunter die Corona-Krise, der Anstieg der US-Zinsen ab 2022, der Ukraine-Krieg und erneute Spannungen im Nahen Osten –, haben sich die Schwellenländer weitaus widerstandsfähiger gezeigt.
Diese Widerstandsfähigkeit ist laut Bourke weniger auf günstige makroökonomische Rahmenbedingungen als auf stärkere Institutionen zurückzuführen. In vielen Schwellenländern haben die Zentralbanken ihre Geldpolitik früher und entschlossener gestrafft als die der entwickelten Staaten. Dadurch hielten sich die Inflationserwartungen in Grenzen und die Währungen wurden gestärkt. Bourke stellt fest, dass die Schwellenländer heute wesentlich widerstandsfähiger sind, da ihre Institutionen heute einen eigenen Kurs verfolgen können. Das trägt dazu bei, dass die Märkte externe Schocks mit geringerer Volatilität als in der Vergangenheit abzufedern vermögen.
„In vielen Schwellenländern haben die Zentralbanken ihre Geldpolitik früher und entschlossener gestrafft als die der entwickelten Staaten. Dadurch hielten sich die Inflationserwartungen in Grenzen und die Währungen wurden gestärkt.“
Asien ist ein besonders anschauliches Beispiel für diese Dynamik. David Perrett, Co-Head of Asia Pacific Equities, hebt zwei allgemein unterschätzte strukturelle Vorteile hervor: die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit der EM-Währungen und die Zinsdifferenzen. Der unterschiedliche Kurs der Geldpolitik nach der Pandemie hat dazu geführt, dass viele Währungen asiatischer Schwellenländer gegenüber dem US-Dollar auf sehr wettbewerbsfähigem Niveau liegen. Sie nähern sich laut Perrett dem Niveau nach der Asienkrise von 1997 an. Gleichzeitig sind die Renditen langfristiger Staatsanleihen in weiten Teilen der Region deutlich unter denen in den USA geblieben.
„Viele nordasiatische Währungen waren gegenüber dem Dollar wahrscheinlich noch nie so wettbewerbsfähig wie heute“, sagt Perrett. Und sollte die Differenz bei den langfristigen Zinsen zwischen den USA und Asien fortbestehen, kann sich dies nach seiner Einschätzung erheblich auf die relativen Aktienbewertungen auswirken.
Diese Faktoren tragen laut Perrett gemeinsam dazu bei, dass speziell die Schwellenländer Asiens die jüngsten Marktschwankungen besser überstanden haben als in früheren Konjunkturzyklen. Niedrigere Diskontierungssätze stützen die Aktienbewertungen, während wettbewerbsfähige Währungen die Ertragsstabilität der Unternehmen fördern und die Außenhandelsbilanz der Länder stärken. Während das Vertrauen in die Politik der entwickelten Länder, insbesondere der USA, zunehmend leidet, hat diese Kombination aus politischer Glaubwürdigkeit, Währungsstabilität und Flexibilität an Bedeutung gewonnen.
Diese neu gewonnene Widerstandsfähigkeit macht sich jedoch nicht einheitlich in allen Schwellenländern bemerkbar. Stattdessen waren die Schwellenlandbörsen im Jahr 2026 von einer starken Streuung geprägt, sowohl innerhalb der Länder als auch zwischen ihnen. Verantwortlich dafür ist, dass die Investoren unterschiedlich auf dominante Themen und geopolitische Schocks reagiert haben.
Am deutlichsten zu sehen ist das in Südkorea und Taiwan. Diese Länder dominieren weiterhin die Gesamtrendite im EM-Segment dank Gewinnrevisionen im KI-Bereich und starker Preissetzungsmacht bei knappen Gütern wie modernen Speicherchips und Halbleitern. Perrett hält die daraus resultierenden Kurszuwächse für überwiegend gerechtfertigt. „Ein Großteil des Kursanstiegs wurde von positiven Gewinnrevisionen getrieben“, stellt er fest. Er verweist auch auf die aggressive Preispolitik südkoreanischer Speicherchip-Hersteller und die anhaltende Nachfrage nach fortschrittlichen Chips in Taiwan.
Gleichzeitig hat sich das Verhaltensmuster am Aktienmarkt allmählich verändert. „In den letzten sechs Wochen gibt es Anzeichen für eine zunehmend blasenartige Entwicklung“, warnt Perrett. Auslöser sind Anleger, die auf der Suche nach Alternativen inmitten geopolitischer Turbulenzen verstärkt in KI-bezogene Aktien investieren. Die sich daraus ergebende Marktkonzentration hat zwar die Indexentwicklung insgesamt positiv beeinflusst. Unter der Oberfläche hat allerdings die Streuung der individuellen Ergebnisse zugenommen.
Tatsächlich war der Konzentrationsgrad in den Benchmark-Indizes der Emerging Markets selten größer. Die Konzentration auf Länderebene liegt auf Allzeithochs, wobei Südkorea und Taiwan dominieren. Regional betrachtet bestimmen die Märkte Asiens das Geschehen überwiegend. Und aus der Sektorperspektive machen die Bereiche IT und Finanzen zusammen rund 57 % der Indexgewichtung aus. Etwa ein Viertel des Index entfällt mittlerweile auf nur drei Aktien – TSMC, SK Hynix und Samsung. Wenn die Marktführerschaft so stark konzentriert ist, können sich hinter der allgemeinen Indexbewegung sehr unterschiedliche Entwicklungen auf Aktien-, Sektor- und Länderebene verbergen.
„Selten war der Konzentrationsgrad in den Benchmark-Indizes der Emerging Markets größer.“
Unterdessen hat der Iran-Konflikt dieselbe Dynamik über einen anderen Kanal verstärkt. Energieexportierende Länder wie Brasilien haben von höheren Ölpreisen und stärkeren Währungen profitiert. Dagegen sind Nettoimporteure von Energieträgern wie Indien und Indonesien unter Druck hinsichtlich der Gewinne und des Staatshaushalts geraten. Entscheidend ist, dass die Kursentwicklung alles andere als einheitlich war. „Bei näherem Hinsehen zeigt sich eine deutliche Divergenz der Börsennotierungen. Diese Streuung eröffnet Chancen“, fügt Perrett hinzu.
„Bei näherem Hinsehen zeigt sich eine deutliche Divergenz der Börsennotierungen. Diese Streuung eröffnet Chancen“, fügt Perrett hinzu.
In Südostasien gerieten hochwertige Unternehmen eher aufgrund der Marktstimmung als aufgrund der Fundamentaldaten unter Abgabedruck. Unterdessen hat in Indien die anhaltende Underperformance einzelne Marktsegmente wieder attraktiver gemacht. Das gilt insbesondere für Banken des privaten Sektors, wo die Bewertungen trotz sehr guter langfristiger Wachstumsaussichten deutlich gesunken sind.
In China ist eine andere Ausprägung desselben Streuungsphänomens zu beobachten. Das Land wird von vielen Anlegern skeptisch gesehen, doch nach Ansicht von Perrett hat sich der Fokus der Investoren zu sehr eingeengt. „Wir befinden uns im sechsten Jahr eines ausgeprägten Abschwungs am Immobilienmarkt Chinas“, stellt er fest. „Interessant ist, dass wir in den letzten Monaten eine Belebung der Transaktionen in Top-Lagen und eine Stabilisierung der Preise beobachten.“
„Eine dominante Rolle einzelner Länder und Titel auf Indexebene kann starke Unterschiede darunter verschleiern. Daraus können sich sowohl Übertreibungen als auch Chancen ergeben, günstig für aktive Anleger.“
Dies bedeutet jedoch weder eine Rückkehr zu den Exzessen des vergangenen Jahrzehnts noch ist die Entwicklung lediglich gesamtwirtschaftlichen Anreizen geschuldet. Perrett weist darauf hin, dass bereits eine marginale Verbesserung ausgehend von einer sehr schlechten Stimmung den Konsum und die Gewinnerwartungen beflügeln kann. Das gilt speziell, wenn die Märkte weiterhin auf eine anhaltende Verschlechterung eingestellt waren. In einem von starker Streuung geprägten Umfeld sind solche frühzeitigen Verschiebungen leicht zu übersehen und werden oft falsch bewertet.
Insgesamt deuten die Aspekte KI-Konzentration und geopolitisch bedingte Disruption auf densleben Zusammenhang hin. Unserer Ansicht nach sind die Schwellenländer im aktuellen Zyklus nicht fragil, sondern schlicht uneinheitlich. Externe Schocks werden vom Markt insgesamt betrachtet zwar aufgefangen, doch laufen die Kurse bei einzelnen Aktien und Sektoren auseinander. Dies macht ein selektives Vorgehen aussichtsreicher als ein marktbreites Engagement.
Was das aktuelle Umfeld von früheren Erholungen in den Emerging Markets unterscheidet, ist nicht einfach die Unterstützung durch Bewertungen oder ein schwächerer Dollar. Es ist die Kombination aus solideren Institutionen, größerer politischer Glaubwürdigkeit und vor allem einer zunehmenden Streuung unter der Oberfläche.
Die Märkte der Schwellenländer sind heute insgesamt besser darin, externe Schocks abzufedern. Jedoch werden die Ergebnisse zunehmend auf der Ebene der einzelnen Assets und Länder bestimmt und nicht durch allgemeine Marktbewegungen. Die Konzentration im KI-Bereich und geopolitisch bedingte Disruptionen illustrieren denselben Punkt. Eine dominante Rolle einzelner Länder und Titel auf Indexebene kann erhebliche Unterschiede darunter verschleiern. Daraus können sich sowohl Übertreibungen als auch Chancen ergeben, günstig für aktive Anleger.
Für Anleger stellen die Schwellenländer im Jahr 2026 kein einheitliches Anlageuniversum mehr dar. Es handelt sich um Märkte, in denen Widerstandsfähigkeit mit sehr unterschiedlicher Entwicklung im Detail einhergeht. Daher wird der Anlagerfolg weniger von einem breiten Engagement als vielmehr davon abhängen, wie das Kapital innerhalb des Anlageuniversums investiert wird.
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